Auf irdische Materie auftreffende Strahlen kosmischer Energie finden zufällig an einem Punkt der urgeschichtlichen Erdkruste günstige Bedingungen und zünden einen gerichteten Prozess. Wenig wahrscheinlich sind mehrere, unabhängig und zeitnah in Gang gekommene Parallelvorgänge. Durch Abspaltung und Teilung beginnt ein Phänomen zu wuchern, das wir später als Natur bezeichnen. Und welche phantastischen Formen, welche Vielfalt, welche zu Anfang unvorstellbaren Lebensformen kreiert dieses Dauergebären fehlerhafter Kopien! Und zu welchen Sprüngen in den Daseinsarten ist diese Selbstähnlichkeit fähig! Aus Säuren entstehen komplexere Strukturen, die Zellteilung. Ungeschlechtliche und geschlechtliche Vermehrung helfen der Natur, sich immer erfolgreicher zu verbreiten. Der Naturprozess, zuerst nur durch Erdmaterie und Sonnenenergie gespeist, beginnt sich selbst zu organisieren und als eigene Nahrungsbasis zu schätzen. Wichtige Bausteine, um den Reaktor Natur mit möglichst wenig zusätzlichem Brennstoff zu betreiben, nur die einfallende Sonnenenergie ergänzt. In unvorstellbar langer Zeit entwickelt sich die chaotisch wuchernde Vielfalt des natürlichen Lebens. Auf der sich allmählich und kontinuierlich formenden Erdkruste und in den sich konsolidierenden Klimaten, immer wieder durch Zufälle gestört, sucht der Naturablauf seinen Platz. Dieser Selbstläufer kennt kein Gut, kein Böse, nicht einmal ein Optimum. Er kennt nur eine Richtung: Wachstum, Ausbreitung, Anpassung und Verzweigung. Der genaue Beobachter und anglikanische Theologe Darwin hat dies nach seiner vor 170 Jahren begonnenen Galápagosreise erkannt. Er hat uns die Natur vor 151 Jahren mutig als einen Prozess der weiter treibenden, Vorteil suchenden Selbstähnlichkeit erklärt, gesteuert durch selbst organisierende Auslese, Adaption, Umgebungsbedingungen und Zufälle. Vom ungestörten Probieren vielfältiger Formen war es allerdings ein weiter Weg und brauchte viel Zeit bis sich die freien Räume der Erde allmählich mit den unterschiedlichsten Arten füllten. Jetzt mussten die Arten immer intensiver miteinander konkurrieren, sich bald gegenseitig verdrängen. Dieser gerichtete Kopiervorgang hat seine Stärke im wenig umkämpften Lokalen, wenn Zeit zur Ausbildung neuer Formen bleibt. Im heftig konkurrierenden Globalen aber, wo die Vorteilssuche von vielen schnelllebigen Einflüssen bedrängt wird, stößt er an seine Grenzen. Was aber, wenn tatsächlich eine Art den Wettlauf der Fähigsten mit den neuen Lebensdimensionen Denken und bewusstes Handeln gewinnt und beginnt, sich einzumischen? Wenn sich diese Menschen die Nahrungsbasis Natur aus Bequemlichkeit selbst zurechtzüchten, wenn sie zusätzliche Energiehappen nehmen? Wenn diese weltweit und global in die Naturregeln eingreifen?...
Von allen aufrecht Gestarteten setzten nur wir uns dauerhaft durch. Wir zeigten unseren geistigen Vorteil durch erste Figuren aus Mammutzähnen und Knochen, mit denen wir seit 40.000 Jahren erdachte Dämonen beschwören. Seit mindestens 30.000 Jahren teilen wir uns in Bildern mit, vor etwa 5.000 Jahren wollte eine kleine Priesterelite Tempelvorräte inventarisieren und seither dokumentieren Schriftzeichen unser Denken. Nach der langen Zeit steinerner Werkzeuge begann vor 5.300 Jahren die Bronzeverhüttung, Eisen kam vor 3.700 Jahren in Gebrauch. Dampfmaschinen wurden vor 298 Jahren erfunden, vor 100 Jahren begann die Massenfertigung von Automobilen. Heute haben wir die Gene unseres inneren Aufbaus entschlüsselt und blättern durchs aktuelle Weltwissen im Internetz. Blitznachrichten erreichen via Internetz Milliarden Menschen in Sekundenschnelle, durch eine Technologie, die fast die ganze Welt beherrscht und vor gerade einmal 59 Jahren mit Zuses Z3 konkret begann. Die ersten Fernreisenden waren etwa 2.000 Generationen lang unterwegs, um vermutlich von Afrika oder dem östlichen Mittelmeer aus vor etwa 50.000 Jahren in Australien anzukommen (250 Meter/Jahr setzen die Basis 1). Die Europäer breiteten sich schon mit etwa 400 Metern/Jahr aus und erreichten vor 42.000 Jahren Spanien (Faktor 1,6). Der Grieche Alexander kämpfte sich vor 2.340 Jahren mit 500 Kilometern/Jahr bis zum Indus vor (Faktor 2.000). Vasco da Gama segelte vor 512 Jahren mit 22 Kilometern/Tag als erster Mensch bis nach Calicut/Indien (Faktor 32.000). Heute fliegen wir mit 900 Kilometern/Stunde in die Ferien auf die andere Kugelhälfte (Faktor 32.000.000) und mit 8 Kilometern/Sekunde auf den Mond (Faktor 1.000.000.000)...
Da wir in Gruppen leichter überlebten, brachte es Vorteile, wenn einzelne ihre gemachten Erfahrungen nicht nur erinnern, sondern andere daran teilhaben lassen konnten. In der Gefahr bringenden Welt ist das oft überlebenswichtig! Die dazu notwendigen Sinne, das Gehör und die Zunge, mussten jetzt feiner genutzt und gesteuert werden. Die entstehenden Sprachen gaben aber nicht nur gemachte Erfahrungen weiter. Einen wesentlichen Schubs gab unserer kulturellen Evolution ein ganz neues Phänomen: Mit der Sprache konnten wir jetzt unserem Denken Flügel wachsen lassen! Denn Sprache transportiert nicht nur Sachliches, Kommunikation fördert Gemeinsamkeit, erweckt Interesse am Anderen und fügt kreativ zusammen. Manche von uns begannen, Erinnerungsbilder ganz neu zusammenzusetzen und dadurch Ideenwelten zu erfinden, weit entfernt von allen Wirklichkeiten und Erfahrungen. Durch Sprache weitergegeben, konnten diese Geschichten bei anderen Gefühle auslösen, ja sogar Handlungen bewusst steuern. Das war die Geburtsstunde der Geschichten, Mythen und Kulte!...
Überall dort, wo Menschengruppen zu denken begannen, entwickelte sich eine Technik, die uns in immer raffinierteren Formen verführte: in Fantasiegeschichten wird Naheliegendes überhöht, Bedrängendes unserem Zweifel entzogen, um zu beruhigen, zu erklären und zu lenken. Und die Menschen versammelten sich gerne um die fantasiebegabten Schamanen und Kultprediger und glaubten ihren Erzählungen! Schon wenn wir rund um den Erdball beispielsweise auf Reste von Steinzeitmenschen stoßen, fördern wir kultisch Vergleichbares zutage. Zuerst wirkten Fabelwesen und direkt Erfahrbares auf das Schicksal der Menschen ein. Tierdämonen halfen bei der Jagd, in Bildern oder Skulpturen verwirklicht oder durch Schamanen verkörpert, und die Venus beschwor das gebärend Weibliche. Venusfigurinen und Fruchtbarkeitsidole finden sich nicht nur in Europa, Israel, und Russland. Kultische Höhlenzeichnungen sind auf allen Kontinenten zu finden und beschwören die Naturkräfte. Wir finden Höhlenzeichnungen und Gravuren der Jäger und Sammlerinnen aus der Sahara, Südafrika, Europa, spätere Schöpfungen dann in Asien und Australien wieder. Der weite Weg nach Amerika verzögerte diese Kultphase sogar bis in die historische Zeit. Sehr späte Kultobjekte finden wir in Südamerika und in ihrem Nachhall noch auf karibischen Inseln wie Aruba oder Grenada. Dies staffelte sich entsprechend evolutionärer Entwicklungslinien in einem Zeitraum von über 30.000 Jahren. Sich bis in die Jetztzeit hinüber rettende, an verschiedenen Orten steinzeitlich lebende Gruppen zeigen heute noch vergleichbare Kultvorstellungen, versteckt und abgeschieden lebend in den Urwäldern Amazoniens und Afrikas genauso wie in den Trockengebieten Australiens oder im Süden Afrikas oder auch auf Inseln im Pazifik...
Als weitere Versicherung vor dem experimentierenden Chaos der Natur schufen wir Ordnungsschemata. Zwar handeln wir oft triebgesteuert zufällig, verbleiben insoweit im Naturprozess. Doch schon die Siedler brauchten planende Ordnung. Einerseits erforderte Ordnung Idee und Voraussicht, andererseits bot sie aber auch abgrenzende Vereinfachung. Die Züchter der Siedlungszeit nutzten die kurze Reproduktionsfolge von Pflanzen und manchen Tieren für ihre Zwecke. Sie erkannten, dass Getreide, Mais oder Reis gepflanzt und in spezialisierender Ordnung einen vorteilhaften Ertrag liefern. Oder dass Vieh praktischerweise am Lebensort gehalten und gezielt gepaart werden kann. Damit begannen wir in menschlichen Lebensspannen, mit vagem Erkennen und vereinfachender Ordnung, selbst ein wenig Naturprinzip zu spielen. Denn mit diesem revolutionären Dimensionssprung konnte Anpassung und Selbstähnlichkeit des Naturprinzips in ganz anderen Zeitdimensionen stattfinden. Durch Nutzen ihrer eigenen Mechanismen wurde die Natur ein Stück weit planbar. Mit fortschreitender kultureller Entwicklung dehnten sich unsere Ordnungssysteme immer weiter aus und beschränkten die chaotisch wuchernde Natur. Auch verfeinerten wir unsere Erkenntnismodelle, ohne die Komplexität des Naturchaos ganz zu ergründen. Das mystische Ziel vieler Sehnsüchte war ein Garten paradiesischer Ordnung. Vergleichen wir dieses Ideal, das wir auch in manchen Kulturlandschaften nachahmten, mit der chaotischen Unordnung beispielsweise der vulkanischen Galápagosinseln, in der wir die Naturevolution erkannten, zeigt sich ein unauflöslicher Widerspruch. Ganz besonders, wenn wir wissen, dass dieses Kleinod der Evolutionsforschung heute vor dem geordneten Ansturm der Neugierigen geschützt werden muss. Unser Handeln basierte immer auf beschränkter Erkenntnis und schuf Ordnungen, deren Wirkung wir nie vollständig übersehen konnten. Mit synthetischen Genen stümpern wir heute im Innersten der Natur, ohne auch nur ansatzweise die Auswirkungen unserer Forschungsspiele zu übersehen. Nachdem unsere kahl schlagende, asphaltierende und zubetonierende Ordnungswut die gesamte Erde und ihre letzten Naturräume erfasst hat, erkennen wir das Dilemma: Chaotisch weiterwucherndes Wachstum konkurriert in kaum vorhersehbarer Weise mit unserer plump vereinfachenden Ordnung!...
Fotos: Sally A. Morgan/Corbis, www.eiszeitkunstwerke.de