Glaube ist ein wichtiges Ventil für das die ernüchternde Wirklichkeit erkennende Bewusstsein. Erst durch die allmählich in uns wachsende Fähigkeit, das Leben in der Welt und ihren Bedingtheiten zu erkennen, wuchs das Bedürfnis nach Schutz. Schon die Erkenntnis, dass wir Lebewesen nur eine begrenzte Zeitspanne existieren, stellte uns vor psychisch kaum zu bewältigende Tatsachen. Krankheit, Schmerz und Tod, all die Unzulänglichkeiten und Widersprüchlichkeiten unserer sich zufällig entwickelnden Welt verstärkten die Unsicherheit. Bei uns auf die Gemeinschaft angewiesenen Menschen konkurrierten widerstrebende Ziele miteinander. Wir suchten die emotionale Nähe der Gruppe, fürchteten und bekämpften die Außenstehenden, Fremden, Andersdenkenden. Da war es nur eine Frage der Zeit, wann wir Schutzmechanismen für unsere Psyche entwickelten. Jene Psyche, die all dies für unser Gehirn, dessen Speicherfähigkeit und seine Handlungsimpulse filtern, verarbeiten und bewältigen muss. Dafür gibt es Bedingungen, braucht es emotionale Aufbereitung. Diesen Zusammenhängen soll nachgespürt werden...
Berge versetzender Glaube entstammt wohl einer früheren Zeit menschlicher Entwicklung. Die emotionale Kondition oder Glaubenskraft und die intellektuelle Weltbeschreibung oder Lehrbegründung, diese beiden wesentlichen Elemente religiösen Glaubens wirkten damals unerschütterlich. Mythen und Religionen erklärten uns, alles sei von Überwesen ersonnen. All diesen Erklärungsgeschichten, erdacht von den jeweiligen geistigen Eliten, den Schamanen, Propheten, Predigern und später den Priestern, wurde vertraut und geglaubt. Sie gaben Schutz vor dem Ungewissen und erlaubten es, sich hinter Illusionen zu verstecken. Sie befriedigten ein ursprüngliches Vertrauen, das Kinder zu ihren Eltern haben, ohne welches sie nicht überleben können. Kulte und Religionen füllten die ganze Bandbreite des Denkens, Fühlens und Handelns. Die unsicher fragenden Einzelnen bekamen ihre Antworten von Führungswilligen mit elitären Zielen. Sie konnten als Geführte Kraft und Sicherheit durch Glaubensflucht schöpfen. Im gemeinsamen rituellen Handeln bestätigten sie einander gegenseitig. Wenn alle dies tun, wenn alle sich den Überwesen fügen, alle glauben, dann kann doch dieser Ritus oder jene Religion nicht falsch sein!...
Der Himmel, der Ort der Überwesen war licht und hell, er war oben, eben dort, woher die wärmende und Leben spendende Sonne und der fruchtbar machende Regen kommen. Diesem verlockenden Ziel des Lebens schlechthin stand das Unten entgegen, wo dunkle Höhlen, der Nacht gleich, Angst einflößen, wo die Erde zuweilen Feuer und Unheil spie. Die Finsternis war das Böse, der Gegenpol zum Guten, war der gefürchtete Tod. Mit der Vorstellung von Himmel und Hölle als einem Oben und Unten tun wir uns allerdings heute auf einer Planetenkugel schwer. Dort einen Ort fürs Weiterleben auszumachen, wird zu einer Herausforderung an unser Abstraktionsvermögen. Auch dass die Natur, dieser Prozess der permanenten Veränderung und unsere tatsächliche Lebensgrundlage, weder unser Gut noch unser Böse kennt, kommt in menschlichen Köpfen nur allmählich an. Unsere Natur braucht andere Verhaltenskriterien...