mann macht religion

Unterdrückte Frau

Von den das Weibliche, das Gebärende und Fortpflanzende betonenden Venusfigurinen der Frühzeit war es ein großer Schritt zur männerbeherrschten Zeit der Ackerbauern und Siedler. Im Spiegel der Religionen erkennen wir das allmähliche Zurückdrängen des weiblich Weichen und Geschlechtlichen mit dem Einzug männlicher Gewalt in den mächtigen, beherrschenden und rächenden Göttern. Schon in dem auch spätere religiöse Denkstrukturen prägenden Gilgamesch-Epos begegnet uns ein ungehobelter Machtmann mit zwei Dritteln Götterblut. Seine göttliche Abstammung weist direkt zum Königtum der bestimmenden Erbauer und Kämpfer und begründet die neuen Männereliten der Städte. Als Erbauer der Stadtmauern Uruks ist er auch ein Symbol für die berechtigte Verteidigung angeeigneten Landes. Elitenbesitz und Vorrechte werden so sichtbar überhöht. Im gleichen Atem des Epos wird auch das Weibliche zur Verführung und Verfügung der Männer degradiert. Denn der Gottkönig Gilgamesch benutzt wie selbstverständlich "seine" Tempeldienerin zur Kontrolle eines potentiellen Konkurrenten. Seine Spionin schläft mit dem Wilden Enkidu und lockt ihn in die Stadt zum Kampf. Auch berichtet die altbabylonische Version des Epos davon, dass Gilgamesch das "Recht der ersten Nacht" von einer Hochzeiterin fordert. Damit wird Besitz an den Frauen bestätigt und zusätzlich überhöht! In der geistigen Folge dieses männlich bestimmten Denkens sehen wir viele Gottkönige, die sich anmaßten, über alles Schwächere zu verfügen. Ihre Frauen, Priesterinnen samt allen Dienerinnen und Dienern mussten ihnen sogar in den Tod folgen, um der Königsmacht ewig andauernd zu dienen. Konsequenterweise finden wir, wenn wir diesem kulturellen Strom folgen, nur noch Männereliten. Zuerst als kultische und politische Machteinheit, später als die um Besitz und Macht konkurrierenden Priesterschaften und Könige...

Die strikte Verhüllung alles Weiblichen zeigt auch auf die hinter Männerdominanz versteckte männliche Sexualangst. Wie viele Regeln und Gebote der Religionen gelten der geschlechtlichen Lust und wie wenige Verbote dagegen ächten das Töten und ganz besonders das der religiösen Feinde? Dabei läuft keine "falsche" Schwangerschaft, wohl aber jeder "heilige Krieg" dem Wachstumsprinzip der Natur diametral entgegen. Aber eine lange Tradition der Männerherrschaft seit der Besitznahme durch Ackern und Tierzucht wollte Besitzsicherheit durch sicher zu kontrollierende genetische Abfolge. Scharfe Freiheitsbeschränkung der Frauen musste die Nachkommenssicherheit erzwingen. Man(n) verdrängte das Geschlechtliche im vermeintlich Urweiblichen. Wahrscheinlich auch wegen der Einsicht, dass emotional unkontrollierbares Sexualbedürfnis Männerordnungen durcheinander bringt. War es kultureller Fortschritt, uns vom Busenwunder, der lustvollen Geschlechtlichkeit und lebensprallen Venus der frühen Zeit abzuwenden?...

Machtgebärden haben System. Waren es bei den steinzeitlichen Gruppen noch Steintempel zur Verehrung der Gebärenden und des Lebens, sind es bei den metallzeitlichen Gruppen schon die herausgehobenen Hütten der Führer und Medizinmänner. Später werden es die Königspaläste und Gräber der Pharaonen, die Palastbauten und Tempelanlagen im Fruchtbaren Halbmond oder beispielsweise auch die Hügelgräber der Keltenfürsten in Europa und die Tempelanlagen in Mittelamerika. Alle Nutzer dieser Bauten bezogen die Macht über ihre Gruppen von den Göttern. Ein erstes Aufflackern einer Machtverteilung auch auf breitere Führungsgruppen zeigen die griechischen und später auch die römischen Stadtbauten. Vereinzelt können sich wohlhabende, also auch an der Führung mitwirkende Bürger größere Bauwerke leisten. Parallel und in der Folgezeit zeigen aufwändige Kultpaläste wieder zurück auf die herrschenden Priestereliten. So bei den prunkvollen Bethäusern der jesuanischen Glaubensanhänger im Europa des späteren Mittelalters. Nicht umsonst pflegten europäische Herrscher Gotteshäuser als Grablegen zu stiften, um sich immerdar zu überhöhen, was allen andern verwehrt war. Denn Machtdemonstration über den Tod hinaus hat Tradition. Ob es die Grabmonumente oder die Kunst der Leichenpräparation der Eliten war, immer wieder und an vielen Orten wurde die Macht kultisch konserviert. Dies begann nicht erst bei den Ägyptern, hat die Diktatoren der Kommunisten angeregt und findet auch bei plastinierten Religionsführern der Moderne noch kein rationales Ende. Lange Zeit waren Religionsbauten die architektonischen Ideengeber, zeugten vom unangefochtenen Führungsanspruch der jeweiligen Priesterschaften und der Mächtigen. Erst allmählich nahm auch die architektonische Qualität beispielsweise der europäischen Paläste der Herrscherdynastien zu und überholte irgendwann die der Religionsbauwerke. Mit der aufkommenden Aufklärung, dem sich religiöser Bevormundung entziehenden Wissen, entstanden auch bedeutende Bauten für das mitbestimmende Bürgertum. Mit einsetzender Industrialisierung gingen die baulichen Fortschritte von den machtbeteiligten Industriemagnaten aus. Das Bürgertum beteiligte sich am architektonischen Wettlauf. In der heutigen Moderne überwiegen die Prunkbauten multinationaler Unternehmen und besonders auftrumpfend die der Banken. Religiöse Architektur verschwindet genauso, wie die soziale Bedeutung und Glaubwürdigkeit der Religionen schwindet und die Macht des Geldes und der Finanzmakler zunimmt...