nach allen illusionen

Einzige_Welt

Die hallenden Hammerschläge, mit denen Luther vor 493 Jahren seine Thesen gegen den Ablasshandel der römischen Priesterhierarchie an die Kirchentür der Schlosskirche zu Wittenberg/Deutschland nagelte, markieren den von ihm eigentlich nicht beabsichtigten Übergang weg vom Dogma der Eliten hin zur Rationalität vieler. Zum ersten Mal im Wirken der kulturellen Evolution wird das zum Schutz unserer Psyche erdachte und zur Gruppensteuerung genutzte Religiöse öffentlich hinterfragt und damit die religiöse Wahrheit erschüttert. Dieser Deutungswandel eröffnete den Weg in die religionsferne Moderne. Dieses starke Bild der Hammerschläge eines Revoluzzers ist schön aber vermutlich falsch. Tatsächlich reichte Luther seinen Fragenkatalog devot bei seinem priesterlichen Vorgesetzten ein. Erst als er unbeantwortet blieb, veröffentlichten Freunde die auch ihnen zugesandten Thesen. Die darin formulierte Anklage gegen die Ablassfinanzierung, eine ergiebige Geldquelle Roms, löste brisanterweise einen frühen Finanzskan-dal aus: Die Priesterelite hatte sich zuvor beim Weltmarktführer, dem Bankhaus Fugger aus Augsburg/Deutschland, hoch verschuldet. Luthers Ansatz, hohepriesterliche Aussagen zu hinterfragen und die Menschen von religiöser Doktrin zu befreien, war erfolgreich, denn er war eingebettet in eine ohnehin aufbrechende Wissenswelt. Kolumbus hatte kurz zuvor die Idee experimentell bewiesen, dass die Welt eine Kugel ist. Die Himmelskundler schickten sich an, die Erde in ihre planetarischen Schranken zu weisen. Gutenberg brachte die Kommunikationstechnologie mit seinen vervielfältigenden Drucklettern entscheidend voran. Der "Dritte Stand" revoltierte gegen Priestereliten und Adelsmacht und formulierte den säkularen Staat. Die Renaissance in Italien, die Astronomen Flanderns und die vielen verstreut suchenden Denker Europas waren auf dem Weg zum Wissen. Der erste Schritt von überweltlichen Beschwörungsformeln hin zum die Wirklichkeit beschreibenden Wissen, zur Erosion der Machteliten in einer sich rational ordnenden Gesellschaft, war gegangen. Die Religionen wurden allmählich aus der gesellschaftlichen Deutungsmacht in das private therapeutische Aus verdrängt...

Beurteilten wir die Kulturbegleitung durch Kulte und Religionen nur von den heute ins Idealistische fortentwickelten Heilslehren aus, ergäbe sich ein falsches Bild. Denn alle die auf heutige Vorstellungen zurecht getrimmten und abstrahierten Fortschreibungen immer wieder modernisierter Lehrgebäude greifen zurück auf ganz handfeste Interessen und Vorstellungen ihrer Entstehungszeit. Alle sind aufbauend aufeinander in der Fortschreibung kultischer Vorstellungen entstanden. Und wie jede andere entbehrlich gewordene Hilfestellung, so verschwinden auch die Religionen aus dem Entwicklungsprozess. Lassen wir alle die begründenden Überhöhungen durch Wunder, Vergeistigung, Dämonisierungen und übernatürliche Rächer beiseite, werden die Kernbotschaften klarer sichtbar. Religionen überlebten, da sich wenige Starke Vorteile sichern und viele Schwache ihre Lebensängste dämpfen wollten. Wir ersetzen dies heute besser mit Selbstbestimmungsformen und nachprüfbarem Wissen...

Ein von manchen Religionen verbreitetes apokalyptisches Ende der Menschheit an einem "Jüngsten Tag", wo wir wie Schulkinder unser Verhalten von Überwesen mit Pauken und Trompeten quittiert bekommen, ist Illusion. Schon eher weist die religionsfreie Physik den kommenden Weg: Wenn in unserem fast abgeschlossenen Erdsystem alle Vorräte verbraucht, das trinkbare Wasser getrunken, unsere lebensnotwendige Naturumgebung zerstört und wir die Lufthülle mit unserem Energiehunger aufgeheizt haben, verschwinden zumindest wir als Teil der Natur automatisch. Der Fluchtgedanke der Raumfahrt könnte da allenfalls verzögern. Wann dies der Fall sein wird, hängt auch davon ab, ob und wie wir auf das Heute gerichtet, die uns künftig beschränkenden Handlungen einleiten. Glaube leistet da keinen handelnden Beitrag, er stärkt höchstens Emotionen, trübt aber den Blick auf die Wirklichkeit, öffnet geistige Schlupflöcher...

Unsere religionsferne Moderne ist auch geprägt von individueller Zersplitterung, soziale Verbände werden locker, lösen sich auf. Von religiöser Doktrin befreit, schafft sich jetzt auch der Einzelne neue Freiheiten. Unsere Möglichkeiten lassen den Zerfall unserer Sozialgruppen ebenso zu, wie sich neue Chancen bewussten Handelns eröffnen. Neue heterogene Lebensziele bieten sich vor einem rationalen Wissenshintergrund an. Es sind die Lebensgemeinschaften, die sozialen Beziehungen, die es bewusst auszurichten gilt. Es ist die Ungleichheit der Lebensbedingungen, die es anzugleichen gilt. Es ist die Umwelt, die verbliebene Restnatur, die es zu schützen gilt. Es ist das erträgliche Weltklima, das es zu erhalten gilt. Doch für viele ist zum Koordinatensystem ihrer Moderne das Geld geworden. Es gilt jetzt mehr denn je, den Ertrag jeglichen Handelns zu erhöhen, alles Wirtschaften zu optimieren. Wer einen höheren Ertrag erreicht, wer konkurrierende Schwächere verdrängt, schafft sich größeren Einfluss, schöpft größeren Gewinn. Mehr erkämpftes Geld schafft mehr Vorteile. Denn Geld lässt sich, meint man, frei in alle verfügbaren Güter und Dienstleistungen, in politische Macht und Besitz konvertieren. In der Wirtschafts- und Finanzwelt schafft sich der Finanzstarke ungeschminkten Vorrang. Doch die globalen Erschütterungen der Finanzwelt zeigen unmissverständlich, dass Geld keinen festen Wert hat und nur das zählt, was ein intaktes Gesellschaftsgefüge dafür zu geben fähig ist. Da stellt sich unüberhörbar die Frage: Wieviel angehäuftes Geld, wieviel Macht ist noch moralisch? Einzig verbleibender Gegenpol der Orientierung scheinen da ethische Normen. In dieser früheren Domäne der Religionen waren die Interessen der verschiedenen Sozialgruppen durch elitär vorgegebene Wunschbilder begründet, fein austariert. Dies können in den heutigen pluralistischen Gesellschaften nur übereinkünftig und transparent begründete Regeln leisten. Regeln, die zwischen den vielen ausgleichen und so allen dienen. Angesichts einer überschäumenden Weltbevölkerung ein gigantisches Unterfangen! Doch ist mit der Taktik des "sowohl als auch", mit der fortschrittliche Völker wohl eine Distanz zwischen Religion und Staat geschaffen haben, aber insgeheim an der Gültigkeit der Glaubensaussagen festhalten, keine vorurteilsfreie Bilanz möglich. Die Angst davor, mit den Religionen einen lieb gewonnenen oder auch aus Machtkalkül eingesetzten Psychodämpfer zu verlieren, verstellt noch immer den nüchternen Blick auf die Konsequenzen der Evolution...

Denn wir haben etwas zu verlieren: eine in Farben brillierende, in Formen überbordende Natur, faszinierend vielfältig in ihren Arten und spannend in ihrem Ablauf. Die Leuchtkraft und Fülle einer aufblühenden Orchidee bannt uns genauso, wie das direkt vor einem auftauchende, nervös hin und her tänzelnde Breitmaulnashorn, Körpermasse und Hörnerspitzen zum Angriff bereit! Uns faszinieren Blicke in die scheinbar unendliche Weite des Alls, aus der uns Myriaden von Sternen in allen Spektralfarben entgegenblinken und fortgesetzt neue Galaxien zusammenschmelzen. Unfassbar vielgestaltig, variantenreich und begeisternd nur durch einfachste Prinzipien aus sich selbst heraus entstanden, aber fatal sinnlos in sich selbst! Einzig unsere Fähigkeit zur Beobachtung erkennt dies und unsere schwache Psyche zwingt uns zu stammeln: Dies schuf ein Held, ein Übermensch!

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Foto: NASA Astronomy picture of the day