Die wenigen, heute noch zurückgezogen oder im Verborgenen in urzeitlicher Tradition lebenden Menschen zeigen uns die unvorstellbare und doch täglich greifbare Distanz zwischen beginnendem kultischem Denken und weltweit vernetzt navigierendem Priestermanagement. Solch einen gewaltigen Zeitsprung hat Lhamo Döndrub in einer Lebensspanne vollzogen. Er war eines von 16 Kindern einer im Mystischen verhafteten, noch mittelalterlich lebenden Bauernfamilie. Um nach überweltlichen Zeichen zu suchen, waren die Mönche ausgesandt worden. Sie haben ihm die Mala oder Gebetskette des zuvor verstorbenen Dalai Lama gezeigt. Als fast Zweijähriger "erkannte" er sie spontan. Das war die Eintrittskarte, um dann als vierjähriger Willenloser Hohepriester der Gautamaanhänger und tibetisches Staatsoberhaupt zu werden. Heute nutzt er als 75-jähriger virtuos die weltweiten Medien und jettet unermüdlich für die tibetische Sache werbend um den Globus...
Besonders die emotionale Körperlichkeit der Riten kennzeichnet diese frühe Phase. Australier sahen sich als Teil ihrer Umgebung und für sie hatten alle Dinge Wesenseigenschaften. Sie konnten sich in die spirituelle Aura ihrer Naturumgebung, den dortigen Pflanzen und Tieren versenken. Dann erträumten sie die Geschichten der Plätze und Dinge und schöpften ihre Lebensenergie aus dieser Einbeziehung in die Gesamtnatur. Ihre Psyche erfühlte dabei nicht nur das Bestehende, sondern auch das schon immer Gewesene und die Handlungen der schöpferischen Ahnen. Dabei spielte die Stufe der Initiation, also der Gefühlsreife und des Kultwissens eine wichtige Rolle. Die Australier drückten ihre Mythen oft in Bildern aus, die aber nicht der "nachzeichnende" Initiierte, sondern die Schöpferwesen selbst an herausgehobenen Felsmalen anfertigten. Aber nicht das Bild war wichtig, sondern in der Entstehung entwickelte sich mit dem Bild auch die Lehrgeschichte. War es für viele nur der Erzählinhalt, bekam das Geschehen je nach Initiationsstufe der Miterlebenden immer tiefere Bedeutung und Aussage. Für Australier gilt, dass die Frauen von der Natur und aus der Erde geboren sind, die Männer aber erst durch die Kultur geformt werden müssen. Daher sind die Beschneidung und Initiation der Jungen ein wesentlicher Bestandteil der Mannwerdung. In diese von Gefühlen bestimmte und wenig rationale Vorstellungswelt gehören auch alle Körpermale, die sich mit Schmerzen ins emotionale Gedächtnis einprägen und uns heute manchmal grausam erscheinen. Werden diese ersten Stufen von allen durchlitten, erreichen wenige erst in fortgesetzten Initiationen die volle schamanische Lehrautorität. Zur unmittelbaren Erlebbarkeit der Schöpfungsmythen und den daraus abgeleiteten Verhaltensregeln gehörten kultische Tänze. Sie erzählen von den Geschöpfen, von der Jagd, der Liebe und der Sexualität, vom Leben in der Natur und in den Sippen. Mit Tanz, theatralisch und mit erzählenden Gesängen untermalt, werden im Auftrag der Wesen der Urzeit und der großen Regenbogenschlange die Regeln des Lebens beschrieben und das Land verwaltet und geschützt...
Die Sumerer von Nippur, die als erstes Volk sesshaft wurden und Städte bauten, sahen den Weltbeginn so: Die Urwelt war am Anfang ein embryonal heiliger Hügel. Der männlich hohe Himmel legte sich über die weiblich dunkle Erde und hielt mit ihr einen nicht enden wollenden lustvollen Beischlaf. Der Luftgott Enlil musste kommen, musste sich beeilen, die beiden aufeinander Liegenden mit Gewalt voneinander zu trennen. Luft konnte endlich zwischen Himmel und Erde sein und die Winde konnten wehen, das Leben konnte dann beginnen und die Saat aufgehen. Doch die beiden konnten nicht voneinander lassen und so kam es immer wieder zur Kopulation zwischen dem Himmel und der Erde. Dabei entsprangen Dämonen, die den Göttern ihre Erstgeburtsrechte neideten und zum Krieg anstachelten...
0,4 Milliarden Asiaten verehren in Siddhartha Gautama ihren "Erwachten". Der mündlich weitererzählten Legende nach verließ Prinz Gautama nur ein einziges Mal seine Palastscheinwelt und sah das Leid der Menschen. Alter, Krankheit und Tod schockierten ihn sehr. Ein Asket belehrte ihn, dass nur verzichtende Verinnerlichung aus dem Leid und der Wiederverkörperung Samsara führen könne. Prompt ließ er Thronfolge, Frau und Kind fahren und begab sich auf die Suche. Mit seinem vedischen Hintergrund stürzte er sich in das Experiment extremer Schmerzaskese und in die Anleitung brahmanischer Eremiten und Yogis. Nach sechsjährigen Versuchen erkannte er, dass auch extremste Kasteiung das Leid nicht beendet. Als moderater Bettelmönch ist er dann vor etwa 2.400 Jahren nach langer Versenkung unter einer Pappelfeige zum Erwachen gelangt. Dabei sind Hass, Begierde und Unwissenheit von ihm abgefallen. Er hat die vier edlen Wahrheiten erkannt, die vom Samsara der Wiedergeburten erlösen. Dies ist die lange mündliche Überlieferung eines Ideals durch eine Mönchsgemeinde. Denn die Figur des Prinzen Gautama, der erkennt, kann auch einer zur Person zusammengefassten Erzähltradition entstammen. Dass auch diese Lehrvariante nicht singulär entstand, mag die Spiegelgeschichte des Prinzen Vardhamana zeigen. Vor 2611 Jahren geboren und auch als Prinz mit Frau und Kind belastet, hatte er in vedischer Tradition alle Kleider abgestreift. Als nackter Asket war er zur Allwissenheit gelangt, glauben die Anhänger der Religion der Jain...
Selbstständig geworden, mussten sich die Stämme ihrer Nachbarn erwehren und konzentrierten ihre Wehrhaftigkeit vor 3.000 Jahren im Königtum. In Gestalt des Königs David trat Israel in die Geschichte ein. Er besiegte die Feinde und machte Jerusalem zur Hauptstadt. Das Land erkämpfte unter ihm seine größte Ausdehnung und erlebte seine Blüte. Das Volk identifizierte sich mit der neuen Hauptstadt Jerusalem, da das Kultsymbol der Nomadenzeit, die Bundeslade samt Tora, dort seine Heimat fand. Für eine kurze Phase galt das übliche Kultmuster eines Staatsgotts, des Königs als Gottessohn und der führenden Priesterschaft. Nicht lange, und Israel zerfiel in zwei Teile. Das Nordreich Israel wurde vor 2.720 Jahren assyrisches Opfer. Der Südteil Juda geriet vor 2.580 Jahren unter neubabylonische Herrschaft. Die Elite der Juden wurde verschleppt und Jerusalem und sein Tempel mitsamt der Kultlade zerstört. Nach dem Fall Jerusalems und der Zerstreuung der Juden blieb Juda unter fremder Herrschaft der Perser, Griechen und Römer. Trotzdem konnte der Jerusalemer Tempel vor 2.500 Jahren wieder aufgebaut werden. Der Teil der Juden, der zurückfand, unterstand jetzt einer erblichen Priesterelite und suchte Glaubensausdruck in Riten und Handlungsgesetzen, die von den Nachbarn abgrenzten. Diese ganze Entwicklung seit der Reichsgründung begleiteten und interpretierten sporadisch auftretende Propheten. Sie mahnten Volk, Regierende und Priesterschaft, in persönliche Gottesbotschaften gekleidet, immer wieder an Grundsätze ihres Volksglaubens. Vor 2.200 Jahren setzte eine religiöse Restauration ein, in der verschiedene Glaubensrichtungen gegeneinander kämpften. In der Gruppe der Essener fanden die Richtungskämpfe vor 2.100 Jahren ihre strengste Ausprägung. Sie übten Askese und Reinheitsriten als Vorbereitung auf ein herbeigesehntes Reich eines vom Überwesen Gesandten. Eine im Angesicht fortdauernder Fremdherrschaft durchaus verständliche Fluchtreaktion. Das Ende Judas führte ein Aufstand gegen den römischen Kaiserkult vor 1.940 Jahren herbei: Jerusalem und sein Tempel wurden ein zweites Mal und diesmal endgültig zerstört und die Juden zerstreut...
Die verbliebenen Anhänger des Getöteten sahen sich um ihre großen Hoffnungen betrogen und befürchteten selbst die Verfolgung. Es ist vorstellbar, dass Hysterie um sich griff. Eine Anhängerin, von einigen Schriften als seine Geliebte bezeichnet, kehrte möglicherweise ihr Verlusttrauma in die befreiende Idee vom Weiterleben um. Im Todesschmerz um ihr Idol, ihre zusammenstürzende Königshoffnung, erfand sie wohl die Geschichte vom wiedergeborenen Überhöhten, einem Auferstandenen. Sie entsprach mit diesem Muster ganz dem endzeitlichen Denken und dem Unsterblichkeitsgedanken dieser römischen Unterdrückungszeit. Schon der jüdische Tanach hob einen solchen Messias heraus, eine vom Überwesen gesalbte Führungsfigur. Das Ummünzen einer menschlichen Niederlage in einen überweltlichen Triumph war die Geburtsstunde einer neuen Religionsidee. Eine Idee, die aus persönlichem Scheitern psychische Kraft schöpfte. Ein genialer Einfall und erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Verbreitung! Mit dieser überweltlichen Deutung enden einige der nacherzählenden Schriften vom Leben, Wirken und Tod des Jesus. Dieses vor etwa 1.930 Jahren erstmals erzählte Geschehen speiste weitere, später geschriebene überweltliche Betrachtungen. Eine unübersehbare Flut interpretierender und modifizierender Lehrschriften folgte...
Alle Religionslehren sind Gedankenexperimente zu Überwesen, Meinungsbilder und Weitererzählungen Vieler. Sie stehen für das, was sich machtgestützt verbreiten konnte und noch heute weit verbreitet ist. Frühe und zu den verbliebenen Religionen parallele Ideen waren die der Zoroaster, der Jain, Shinto, Sikh oder Bahai, der amerikanischen Olmeken oder Azteken, um nur einige der unzähligen Heilsentwürfe zu nennen. Auch in heutiger Zeit gründen Kreative immer wieder neue Gruppen wie die der Cao Dai in Vietnam, der Scientologen in den USA oder der Rastafari mittelamerikanischer Afrikaner und was der esoterische Markt noch so alles hergibt. All diesem fehlte wohl die Überzeugungskraft, die Macht oder die Umstände, um von vielen angenommen zu werden und neue Massenreligion zu werden. Aber auch ohne Überwesen entstanden Ideen, die gesellschaftlich formen und zwingen wollten. Kreative Eliten beschäftigten sich in der aufbrechenden Moderne mit dem Besitz und seinen sozialen Wirkungen auf die Menschen. Was zuvor Überwesen begründeten, wurde jetzt im Wissen gesellschaftlicher Zusammenhänge betrachtet. Daraus entwickelten sich neue Heilsbotschaften vom ungleichen Wettstreit zwischen starken Eliten und schwachen Massen. Ihnen ist gemeinsam, dass diese Illusionen weltweite Verbreitung fanden und dem Einzelnen durch Eliten, wohlmeinend oder Vorteil suchend, mit Macht aufgezwungen wurden...
Wir haben uns daran gewöhnt, unser wirtschaftliches Handeln im Lokalen zu rechtfertigen und nennen es liberal. Wir sprechen von der Freiheit des Tüchtigen und vergessen dabei, dass viele unserer wirtschaftlichen Möglichkeiten auf dem Ausnutzen der Schwächeren fußen und wir die Güter fremder, nachhaltiger lebender Gesellschaften aufbrauchen. Wir erkennen, dass die zum Wirtschaften notwendigen Naturressourcen beschränkt sind und zur Neige gehen. Und wir erleben, dass alle Menschen der Welt auf die sich verknappenden Vorräte und Nahrungsquellen gleichermaßen angewiesen sind. Wir wissen auch, dass der Lebensluxus der "westlichen" Gesellschaften unvergleichlich mehr Ressourcen verschlingt als die noch nachhaltiger lebenden Völker. Und zusätzlich beginnen wir zu spüren, dass die vergleichsweise wenigen durch das Anhäufen von Besitz und ihren gewohnt hohen Komfort den Klimahaushalt stören und die Naturvielfalt reduzieren. Die daraus resultierende Wetterunruhe, Hitzekatastrophe und Artenverarmung treffen sowohl die verursachenden Nutznießer als auch die daran wenig oder nicht Beteiligten gleichermaßen. Diese Schieflage regelt kein freier Markt mehr, mit dieser Illusion sind auch die in nationalen Grenzen verhafteten Regierungen und ihre Gesetzesregeln überfordert...
Religionsfreies Wissen ermöglicht verantwortliches Selbstbewusstsein, deckt doktrinäre Bevormundung auf. Gemeinschaftliche Kontrolle wägt ab und gibt einordnende Distanz. Auch führt rational angewandtes Wissen direkt auf unsere Naturabhängigkeit hin. In unserer vollgefüllten Welt wird ein abstimmender Ausgleich zwischen den Zurückgebliebenen und den Kulturführern, den an den Rand Gedrängten und den Komfortsüchtigen, der Technikversessenheit und dem Naturüberleben, überfällig. Eine fast unlösbar erscheinende Aufgabe! Religionsfreie und an den Notwendigkeiten komplexer Wirklichkeit ausgerichtete Regeln des Zusammenlebens erfordern Einsicht in die realen Bedingungen. Dies gelingt wohl nur nachhaltig in ausreichend entwickelten Gesellschaften. Denn erst ausreichendes Wissen und Können machten die Konsequenzen unseres Handelns bewusst...