Folgen wir den Klimaschwankungen der momentan ausklingenden Kaltzeit und vergleichen sie mit einigen unserer kulturellen Schritte, sollten wir erkennen können, wie weit uns in Europa zufälliges Klima steuerte. Dieses lokale Geschehen findet sich ähnlich auf allen Erdteilen. Die erste Besiedlung Mitteleuropas durch uns moderne Menschen vor über 50.000 Jahren geschah in einer warmen Zwischenzeit der Würmkaltzeit. Damals müssen wir wohl auch noch den Neandertalern begegnet sein. Die in Kleingruppen lebenden Menschen schufen kaum später Figurinen und Musikinstrumente aus Elfenbein und Vogelknochen. Danach malten sie die Höhlen mit Tieren aus. Dies sind überragende Zeugnisse für die Bedeutung von Kult und Psyche auch für diese frühen Menschen. Nach der ersten Besiedelung unseres Raumes wandelte sich das Klima. Ein letzter kaltzeitlicher Eisvorstoß mit dem Höhepunkt vor 20.000 Jahren beendete diese Gunstzeit. Die zuvor üppige Ernährung durch Pflanzen und Tiere wurde karg, denn Mammute, Wollnashörner, Höhlenbären und Riesenhirsche starben aus. Die frühen Menschen mussten fortziehen oder darben. Mit den ersten sich selbst durch Ackerbau und Viehzucht versorgenden Siedlungen traten wir vor rund 10.000 Jahren in unsere moderne Lebensart ein. Ganz parallel dazu veränderten sich auch die Mythen und Kulte. Die Überwesen wurden menschlich, und die Kulte rankten um Gemeinschaftsordnung und Besitz. Die durchschnittliche Temperatur stieg gerade in dieser Zeit sprunghaft an und war um etwa 3°C höher als heute. Ein stabiles Klima, auch als die Zeit des Atlantikums bezeichnet, richtete sich vor 8.000 Jahren auf die Dauer von 4.000 Jahren ein. Das Eis ging zurück, der Meeresspiegel stieg, Landbrücken zwischen den Kontinenten versanken, und in den vormals kühleren Zonen vom Zweistromland bis zum Nil, im Industal und im Norden Chinas erkannten die Menschen den Vorteil der Vorsorge. Getreide konnte angebaut werden, und der Verzicht auf nomadisches Jagen der zurückweichenden Wildtiere wurde durch Viehzucht ausgeglichen. Das alles war nur möglich geworden, weil es ausreichend regnete. Das Wasser der Flussauen konnte zur Bewässerung genutzt werden und stabiles Wetter sicherte zukünftige Ernten. Die direkte Folge waren ausreichende Ernährung, Bevölkerungswachstum, Elitenbildung, Machtkämpfe und kulturelle Entwicklung. In dieser Klimagunst entstanden die frühen, auch von heutigen Religionen tradierten Überweltideen...
Doch immer wieder unterbrach lang anhaltend kaltes und wechselhaftes Wetter manche hoffnungsvolle Entwicklung. So gab es beispielsweise vor 680, 460 und 160 Jahren ausgeprägte Kältemaxima. Hochwässer schwemmten fruchtbares Land weg und Missernten waren die Folge. Auf Mangelernährung folgten Seuchen. Die ausbrechenden Krankheiten, wie die Pest vor 660 Jahren, machten ein Überleben schwer. Die Bevölkerung dezimierte sich um mehr als ein Drittel. In einer späteren, mehrere hundert Jahre andauernden Kälteperiode, die vor etwa 500 Jahren begann, ereignete sich Ähnliches. Durch Missernten und Hunger brachen Konflikte aus. Schuldige des Elends, das Überwesen als Strafe gesandt haben sollen, waren schnell gefunden. Unzählige Frauen mussten als Hexen sterben. Priesterschaften nutzten die Gelegenheit auch gleich dazu, lästig gewordenen Widerspruch als Ketzerei zu verfolgen. Auch drückten die Abgaben an die Eliten wegen fortgesetzt schlechter Ernten als besondere Bürde. Da scheint es verständlich, dass der Religionskampf der Lutheraner gegen die fordernden alten Priestereliten der Jesuslehre besonders in Süddeutschland so viele Menschen gegen die Obrigkeit aufbrachte. Andere, besonders junge Leute, verließen das Land und suchten ihr Glück in Übersee. Aus dem Aufbegehren gegen den tradierten Glauben entwickelte sich allmählich auch eine rationalere Wahrnehmung der Natur. Eine stärker werdende Mittelschicht distanzierte sich vom Aberglauben und wandte sich dem Naturwissen zu. Dies machte unabhängiger von Klimaeinflüssen und bestärkte darin, religionsferne Gesellschaftsformen zu entwickeln...